Müssen Frauen erst zu Kühen werden, um respektiert zu werden?
Sujatro Ghosh

Sujatro Ghosh

aus Indien, geboren 1993, Fotograf und Videokünstler, seit November 2019 als MRI-Stipendiat in Berlin.  

Es war im Frühsommer 2017 bei einem Aufenthalt in New York. Sujatro Ghosh war dort, um für eine US-amerikanische Hilfsorganisation Fotos zu machen. Eines Abends saß er in seinem Zimmer und eine Art Punchline schoss ihm durch den Kopf: Ist es nicht absurd, dass in seiner Heimat Indien Kühe seit einigen Jahren immer aggressiver gegen oft nur vermeintliche Übergriffe geschützt werden – Frauen aber mit noch mehr Aggressivität angegriffen, vergewaltigt und sogar ermordet werden? Müssen Frauen also erst zu Kühen werden, um respektiert zu werden?

Millionen Klicks auf Instagram

„Alle 15 Minuten wird in Indien eine Frau vergewaltigt. Dazu gibt es etliche offizielle Statistiken. Aber wenn man sich anguckt, wie wenige von diesen Taten bestraft werden, dann ist das einfach nur traurig“, sagt Ghosh. Der junge Fotograf zog los, um sich in einem Partyshop eine Kuhmaske zu kaufen, kehrte in seine Heimat zurück und startete sein „Cow Mask Project“: Er fotografierte Frauen, die ihr Gesicht unter der Maske verbargen und so in der Öffentlichkeit auftraten – vor dem Taj Mahal oder auf einem See, in Bahnhöfen oder auf Feldern, allein oder in Menschenmengen. Die Bilder postete er in den Sozialen Medien.

Die Resonanz war überwältigend. „Als ich das erste Bild bei Instagram postete, wurde es 500 Mal geteilt. Nach einer Woche gab es schon 300 Medienberichte in Indien über das Projekt, und nach zwei Wochen berichteten Medien aus aller Welt darüber“, erzählt er. ARD, BBC, Der Spiegel, CNN, France 24 – alle wollten Interviews und brachten Berichte über den jungen Künstler und sein ebenso forsches wie hintergründiges Projekt. Millionen klickten die Bilder jetzt im Internet an, Frauen aus ganz Indien und aus anderen Ländern meldeten sich, weil sie mitmachen wollten.

Kind liberaler Einwanderer

Sujatro Ghosh wurde in Kalkutta geboren, der Hauptstadt von Westbengalen, in eine Einwandererfamilie vierter Generation: Sein Ur-Großvater kam aus Bangladesch, arbeitete in Kalkutta noch unter der britischen Kolonialherrschaft in der Verwaltung und konnte deshalb seine Familie nachholen. Für Sujatro Ghosh bedeutete die Millionenstadt im Osten von Indien Freiheit: „Ich hatte eine sehr liberale Erziehung und einen sehr gemischten Freundeskreis“, berichtet er. Gerechtigkeit war ein großes Thema, Geschlechtergerechtigkeit eine Selbstverständlichkeit: „Die Frauen in meiner Familie haben alle gearbeitet, ob meine Mutter oder meine Großmutter, die sogar alleinerziehend war – sie haben alle ihr eigenes Geld verdient und treffen ihre eigenen Entscheidungen.“

Nach der Schule studierte Ghosh Journalismus. Den Bachelor machte er an der University of Calcutta, den Postgraduate-Abschluss an der Jamia Millia Islamia in Neu Delhi. Schon während des Studiums fing er an, journalistisch zu arbeiten, nach dem Abschluss blieb er als freiberuflicher Fotograf in Neu Delhi.

Eine politisch gespaltene Gesellschaft

Zugleich beobachtete er, wie sich das Land veränderte, seit die hindunationalistische Bharatiya Janata Partei (BJP) im Jahr 2014 zur Regierungspartei gewählt worden war. „Seitdem wird alles politisiert – und damit zum Spaltkeil, der Hindus und Moslems auseinandertreibt“, sagt Ghosh. Auch Kühe, die im Hinduismus als heilig gelten und nun als Vorwand zur Verfolgung dienten: Selbsternannte „Kuh-Wächter“ wachen darüber, dass Rinder nicht gehandelt oder gar gegessen werden, und sie bestrafen Leute, die angeblich gegen dieses Gebot verstoßen – bis hin zum Mord. Frauen dagegen können nicht so selbstverständlich auf Unversehrtheit hoffen.

Und so stellte Sujatro Ghosh laut und für alle Welt sichtbar eine einzige Frage: Müssen Frauen Kühe werden, um sicher zu sein? Auf die Welle der Begeisterung folgte die Flut der Hassmails und Drohanrufe. Nach einem Dokumentarfilm mit dem arabischen TV-Sender Al Jazeera wurde die Lage so gefährlich für ihn, dass die Martin Roth-Initiative ihm über ein Stipendium den Weg nach Berlin ermöglichte.

Von seiner Heimat ist der Fotograf nun weit entfernt – seine Positionen will er trotzdem weiter vertreten. In einem Buch zum Beispiel und in einem neuen Kunstprojekt: der „Geography of Hate“, in der er buchstäblich die physischen und psychischen Folgen von Gewalt ausmisst. Nach Indien will er zurück, wenn es dort Meinungsfreiheit gebe. „Und wenn man sich den Fanatismus zurzeit ansieht, scheint das wie ein ferner Traum“, sagt er. „Aber bei uns gibt es ein Sprichwort: Der Bauer lebt von Hoffnung. Also hoffen wir.“

Text: Marion Meyer-Radtke; Redaktion: MRI

Fotos/Video: Rolf Schulten, weitere Aufnahmen im Video: Sujatro Ghosh

Gestaltung Video/Audioslideshow: Johanna Barnbeck

Stipendiat* innen

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