Ein Krieg der nicht künstlerisch dokumentiert ist, wird geleugnet oder vergessen.
Tewa Barnosa

Tewa Barnosa

aus Libyen, geboren 1998, Künstlerin, Kuratorin, Kulturmanagerin, kam im Januar 2019 als MRI-Stipendiatin zur Gastorganisation coculture e.V. in Berlin.

„Ich glaube, Krieg macht einen schneller erwachsen“, sagt Tewa Barnosa. Mit 17 Jahren, ein Jahr nach Beginn des Bürgerkriegs in Libyen, gründete sie in der Hauptstadt Tripolis den ersten Kunst- und Kulturraum des Landes, der speziell jungen aufstrebenden Künstler*innen eine Plattform gibt. Eigentlich hatte sie ganz klassisch Kunst studieren wollen und sich an der Universität eingeschrieben. Nach zwei Semestern wurde sie jedoch ausgeschlossen. „Ich habe mir gesagt: Wenn ich Künstlerin werden will, brauche ich eine Basis. Und wenn niemand mir die bietet, dann schaffe ich sie mir selbst“, sagt Barnosa.

WaraQ Art Foundation: Anlaufstelle für junge Künstler*innen

Im Jahr 2015 richtete sie deshalb mit der Unterstützung ihrer Eltern und von Freund*innen die „WaraQ Art Foundation“ ein, einen Anlaufpunkt für junge Künstler*innen, um sich auszutauschen, zu diskutieren, Ausstellungen und Aktionen zu organisieren. „Ich hatte damals gar keine Ahnung von Kulturmanagement und bin unsere Aktionen ganz spontan angegangen.“

Die WaraQ Art Foundation gewann trotzdem oder vielleicht genau deshalb rasch Zulauf – auch von etablierten Künstler*innen, die ihre Erfahrung einbrachten. Zentral bei „WaraQ“ ist die Beschäftigung mit dem Bürgerkrieg im Land, mit der Verletzung von Menschenrechten, Fragen nach Herkunft, Identität, Diversität und dem Umgang mit Konflikten.

Die Wirkmacht der Kalligraphie

Auch für Tewa Barnosa selbst sind das die Kernthemen ihrer Kunst. Dabei verbindet sie arabische Kalligraphie mit Malerei, Fotografie, bildender Kunst und digitalen Medien – und verwendet immer wieder Elemente der Sprache Tamazight, die bis zum Sturz von Muammar al-Gaddafi 2011 in Libyen verboten war. Barnosa kommt aus einer Tamazight-sprachigen Familie.

Ihre Arbeiten stießen früh außerhalb von Libyen auf Interesse. Barnosa stellte sie unter anderem in der P21 Gallery und auf dem AWAN Festival in London aus, in der Casa Árabe in Madrid und in der Galleria delle prigioni in Treviso/Italien. Daneben kuratierte sie Ausstellungen in aller Welt.

Die Botschaft der Mauern von Tripolis

Um die unterschiedlichen Formen des Schweigens zu versinnbildlichen, die sie rund um Krieg und Grausamkeiten wahrnimmt, arbeitete Barnosa zum Beispiel in ihrem Werk „Infinite Silence“ den letzten Buchstaben des arabischen Wortes für Stille in ein Endlos-Zeichen um und setzte es als Neon-Leuchte auf eine Kreidetafel. Für die Reihe „Silenced Protests“ kalligraphierte sie Graffiti-Kommentare von Mauern aus Tripolis auf Ziegelsteine, die sie zu vier Themenkomplexen anordnete (The Chaos, The Structure, The People, The Scale). „Wo der offene Protest auf der Straße verfolgt wird, brauchen Menschen Mauern“, sagt Barnosa. „Man sagt, Mauern hätten Ohren, sie können aber auch sprechen.“

Eine neue Stimme in Berlin

Dank Tewa Barnosa verkünden die Mauern aus Tripolis ihre Botschaften nun auch außerhalb von Libyen: Beide Arbeiten entstanden in Berlin und waren dort im August 2020 ausgestellt. Anfang 2019 war die junge Künstlerin über ein Stipendium der Martin Roth-Initiative in die Stadt gekommen. Anderthalb Jahre lang arbeitete sie in der Gastorganisation coculture mit, kuratierte und organisierte Ausstellungen mit, entwickelte ihre eigene Kunst weiter und zeigte sie in zahlreichen europäischen Ländern.

In ihrer Heimat kann Barnosa derzeit nicht arbeiten. Ihre WaraQ Art Foundation war mit zunehmendem Erfolg zur Zielscheibe geworden. Mehrfach attackierten Milizionäre das Zentrum und sein Umfeld. Der erste größere Angriff war eine Reaktion auf die Ausstellung „The Warning“ 2018.

Weitermachen, um Menschen zu erreichen

„Ich habe mir oft Gedanken gemacht: darüber ob ich aufhören soll, damit niemand zu Schaden kommt“, sagt Tewa Barnosa. „Aber dann haben wir weitergemacht, und sind mit unseren Aktionen rausgegangen in die Öffentlichkeit. Öffentliche Plätze gehören allen. Es war ein Statement. Und es war eine lebensverändernde Erfahrung.“ Denn draußen erreichten die jungen Künstler*innen noch mehr Menschen: Anwohner*innen, Familien, die mit ihren Kindern kamen.

Nach den wiederholten Angriffen der Milizionäre ging Tewa Barnosa über das MRI-Stipendium nach Berlin. Es sei Zeit gewesen für eine Pause, zum Nachdenken darüber, was der nächste Schritt sein soll, sagt sie. In Berlin habe sie erstmals mit internationalen Künstler*innen zusammenarbeiten können, neue Perspektiven entwickelt und Kontakt ins Ausland geknüpft. „Das hat mir sehr geholfen“, sagt sie. Aber ihr Herzenswunsch sei, eines Tages in Libyen Teil einer Kulturszene zu sein, die ohne Angst arbeiten kann und sich mit einem kritisch-aufgeschlossenen Publikum austauscht.

coculture kooperiert als Gastorganisation mit der Martin Roth-Initiative. Die Nicht-Regierungsorganisation wurde 2017 von dem Künstler und Aktivisten Khaled Barakeh gegründet. Sie unterstützt Künstler*innen im Exil und fördert die lokale Kulturszene.

Text: Marion Meyer-Radtke; Redaktion: MRI

Fotos: Rolf Schulten; Archivaufnahmen in Audioslideshow: Tewa Barnosa

Gestaltung Audioslideshow: Johanna Barnbeck

Stipendiat* innen

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