Die Rede ist zwar von Sicherheit – aber ich nenne es das „Business of Protection“. Ein Business of Protection muss Unsicherheit produzieren, um Schutz verkaufen zu können. Das ist wie eine mathematische Gleichung. Am Ende geht es um Geld und Profit.
Igor Vidor

Igor Vidor

aus Brasilien, geboren 1985, Fotograf und Bildender Künstler, seit Juli 2019 MRI-Stipendiat bei der Gastorganisation Künstlerhaus Bethanien in Berlin.

Neun Freunde von Igor Vidor sind von der brasilianischen Polizei getötet worden. Auch sein Kindheitsfreund Rodrigo. Das war im Jahr 2016 und Vidor war gerade als Artist in Residence am National Museum of Modern and Contemporary Art in Südkorea, als ihn die Nachricht erreichte. Sie war ein Schock – und der vielleicht größte Wendepunkt in seinem Leben, künstlerisch und privat.

„Ich dachte nur: Warum? Warum so? Zwölf Schusswunden und gebrochene Rippen. Hätte nicht auch ein Schuss gereicht? Oder eine Festnahme?“, sagt Vidor.

Der Zusammenhang von Armut, Geldströmen und Gewalt

Rodrigo starb durch Polizeigewalt. Er war Drogenhändler und schon recht hoch geklettert in der Hierarchie – aber machte ihn das weniger zum Opfer?, fragte sich Igor Vidor. Hatte er dadurch alle Rechte verwirkt?  Als Kinder hatten die beiden Fußball zusammen gespielt, sie waren zusammen aufgewachsen, um dann unterschiedliche Wege einzuschlagen. Und so fing Vidor nun an, die Zusammenhänge zu hinterfragen – von Armut, Hautfarbe und Aufstieg, von Geldströmen und Gewalt – und sie in seinen Kunstwerken auszustellen.

„Ich begann zu recherchieren: Warum lebt man in Sicherheit oder auch nicht, was meint Sicherheit überhaupt?“, erzählt Vidor. „Und dann habe ich begriffen: Die Rede ist zwar von Sicherheit – aber ich nenne es das ‚Business of Protection‘. Ein Business of Protection muss Unsicherheit produzieren, um Schutz verkaufen zu können. Das ist wie eine mathematische Gleichung. Am Ende geht es um Geld und Profit.“

Inszenierungen von Aggression und Macht

Igor Vidor wuchs in einem armen Viertel in São Paulo auf. „Es war eine sehr gewalttätige Umgebung, Gewalt herrschte auf den Straßen und wurde auch durch die Polizei ausgeübt“, berichtet er. Über ein Stipendium kam er an die Kunsthochschule, zog um, fing an, sich mit Philosophie und Soziologie auseinanderzusetzen.

In seinen ersten Jahren als Künstler beschäftigte er sich vor allem mit den sozialen Verhältnissen und gesellschaftlicher Spaltung in Brasilien. 2016 weitete er diesen Blick und richtet ihn seitdem auf das Thema Staatsgewalt, zunehmend aber auch auf mediale Inszenierungen von Kriminalität, Macht und Aggression, sowie auf die globalen Zusammenhänge von Waffenproduktion, Marketingstrategien und ihren Auswirkungen in Latein- und Südamerika.

Carne e Agonia

Häufig nutzt Vidor symbolische Objekte, Regenschirme zum Beispiel, deretwegen die Träger erschossen wurden – weil Polizisten sie für Waffen hielten. Er arbeitet mit Aramid-Stoffen, aus denen Schusswesten hergestellt werden – und klebt Bilder von aggressiven Wildtieren auf, die sich Polizeieinheiten zum Wappentier erwählt haben („Beasts“, 2020). „In Brasilien geht es jeden Tag um Gewalt – um symbolische und echte Gewalt“, erläutert Vidor. Deshalb sei es für ihn als Künstler wichtig, eine Ausdrucksweise zu finden, die Gewalt thematisiert, aber sie nicht reproduziert.

In einer Ausstellung 2018 in São Paulo zeigte Vidor sein Video „Carne e Agonia“: Bilder von Waffentests sind untertitelt mit Interviewaussagen eines Polizisten und eines Drogendealers – ohne dass Betrachter*innen erfahren, zu wem die jeweilige Antwort gehört. Danach wurde Vidor so massiv mit dem Tode bedroht, dass er Bodyguards anheuern, mehrfach umziehen und letztlich das Land verlassen musste.

Perspektivwechsel

Seit Juli 2019 ist Vidor über die Martin Roth-Initiative im Künstlerhaus Bethanien in Berlin. Dort entwickelt er sein Thema weiter und stellt seine Arbeiten an verschiedenen Kunstorten aus, darunter die Berlinische Galerie. Und: fern der Heimat schärft sich sein Blick erneut. Denn die Waffen, die in Brasilien zum Einsatz kommen, werden auch in Deutschland produziert. „Ich bin sehr dankbar, dass ich hier arbeiten darf“, betont Igor Vidor. „Ich hoffe aber, dass ich in den Ausstellungen hier deutlich machen kann, dass auch Demokratie ein globales Thema ist: Wenn wir um den Regenwald in Brasilien kämpfen – sollten wir dann nicht auch um das Leben der Menschen dort kämpfen?“

Das Künstlerhaus Bethanien ist ein internationales Kulturzentrum in Berlin. Als Atelierhaus und Arbeitsstätte für professionelle Künstler*innen, vielschichtig strukturierte Projektwerkstatt und Veranstaltungsort hat es sich die Förderung der zeitgenössischen bildenden Kunst zum Ziel gesetzt. Schwerpunkt ist das Internationale Atelierprogramm, in dem Jahr für Jahr Künstler*innen aus der ganzen Welt Projekte ausarbeiten und präsentieren.

Text: Marion Meyer-Radtke; Redaktion: MRI

Fotos/Video: Rolf Schulten

Gestaltung Video/Audioslideshow: Johanna Barnbeck

Stipendiat* innen

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